Steigende Kurse freuen jeden Anleger – doch was, wenn die Märkte nach unten drehen? Die gute Nachricht: Auch von fallenden Kursen kann profitiert werden. Mit den richtigen Finanzinstrumenten können Anleger entweder ihr bestehendes Depot gegen Verluste absichern oder ganz gezielt auf einen Kursrückgang spekulieren. Dieser Ratgeber zeigt, welche Produkte sich dafür eignen, wie sie funktionieren – und worauf man unbedingt achten sollte.
Warum überhaupt auf fallende Kurse setzen?
Hinter dem Wunsch, von sinkenden Kursen zu profitieren, stehen meist zwei sehr unterschiedliche Beweggründe:
1. Absicherung des Depots (Hedging)
Wer über Jahre ein gut laufendes Portfolio aufgebaut hat, möchte die erzielten Gewinne nicht durch einen Markteinbruch wieder verlieren. Statt alle Positionen zu verkaufen – was Transaktionskosten und steuerliche Konsequenzen mit sich bringt – kann man eine Gegenposition aufbauen. Diese gewinnt an Wert, wenn der Markt fällt, und kompensiert so (zumindest teilweise) die Verluste im Bestand.
2. Spekulation auf sinkende Kurse
Manche Anleger gehen davon aus, dass eine bestimmte Aktie, ein Index oder ein Rohstoff in nächster Zeit fallen wird – etwa wegen schlechter Geschäftszahlen, einer überbewerteten Branche oder einer wirtschaftlichen Krise. Sie wollen nicht nur „nicht verlieren“, sondern aktiv von diesem Rückgang profitieren. Auslöser für diese Unsicherheiten sind oft geopolitische Ereignisse wie Kriege, Naturkatastrophen oder sonstige Behinderungen des Welthandels.
Beide Strategien führen zur gleichen Art von Position: einer sogenannten Short-Position (im Gegensatz zur klassischen Long-Position, die von steigenden Kursen profitiert).
Grundbegriffe: Long, Short, Call, Put
Bevor wir in die einzelnen Produkte einsteigen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Begriffe, die man in diesem Bereich immer wieder hört:
- Long: Position, die von steigenden Kursen profitiert (klassischer Aktienkauf).
- Short: Position, die von fallenden Kursen profitiert.
- Call: Recht oder Spekulation auf steigende Kurse.
- Put: Recht oder Spekulation auf fallende Kurse.
Wer also „short geht“ oder „einen Put kauft“, setzt auf fallende Kurse. Diese Begriffe begegnen einem in praktisch allen folgenden Produkten.
Möglichkeit 1: Aktien direkt leerverkaufen (Short Selling)
Die ursprüngliche Form, auf fallende Kurse zu setzen, ist der Leerverkauf – auf Englisch Short Selling. Dabei leiht sich der Anleger Aktien, die ihm nicht gehören, von einem Dritten (meist über den Broker), verkauft sie sofort am Markt und hofft, sie später zu einem niedrigeren Kurs zurückkaufen zu können. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufspreis – abzüglich Leihgebühren – ist der Gewinn.
Beispiel für Leerverkauf
- Eine Aktie notiert bei 100 €.
- Der Anleger leiht sich 10 Aktien und verkauft sie sofort für 1.000 €. Das geschieht bei Brokern allerdings meist im Hintergrund. Praktisch führt man im Depot meist einfach eine Verkaufs-Order für eine Aktie durch, die man gar nicht im Depot hat. Die Wertpapier-Leihe wird dann durch den Broker automatisch vorgenommen.
- Fällt der Kurs auf 70 €, kauft er die 10 Aktien für 700 € zurück und gibt sie an den Verleiher zurück.
- Sein Gewinn beträgt rund 300 € – abzüglich Leihgebühren und Transaktionskosten.
- Steigt der Kurs hingegen auf 130 €, muss er für den Rückkauf 1.300 € aufwenden – ein Verlust von 300 €.
Vorteile von Leerverkäufen
- Direkte Umsetzung: Keine zusätzliche Produktstruktur, kein Emittent dazwischen.
- Klares Funktionsprinzip: Wer den Aktienhandel verstanden hat, versteht auch den Leerverkauf.
- Keine Laufzeitbegrenzung wie bei Optionen oder vielen Zertifikaten – die Position kann grundsätzlich offen bleiben, solange die Aktien geliehen werden können.
Nachteile und Risiken
- Theoretisch unbegrenztes Verlustrisiko: Während der Gewinn auf 100 % begrenzt ist (eine Aktie kann maximal auf null fallen), kann der Kurs nach oben praktisch beliebig steigen – und damit auch der Verlust.
- Short Squeeze: Steigt eine stark geshortete Aktie plötzlich, müssen viele Leerverkäufer gleichzeitig zurückkaufen, was den Kurs weiter nach oben treibt. Berühmtes Beispiel ist die GameStop-Aktie Anfang 2021, bei der mehrere Hedgefonds Milliardenverluste erlitten.
- Laufende Leihgebühren, die mit der Haltedauer steigen.
- Forced Buy-in: Der Verleiher kann die Aktien grundsätzlich zurückfordern – die Position muss dann unter Umständen zur Unzeit geschlossen werden.
- Eingeschränkte Verfügbarkeit für Privatanleger: In Europa bieten nur wenige Broker echte Leerverkäufe für Privatkunden an; die meisten Privatanleger nutzen stattdessen die unten beschriebenen Produkte mit klar begrenztem Risiko. Selbst Broker welche Leerverkäufe grundsätzlich anbieten verlangen von Anlegern meist eine zusätzliche Zustimmung, um die Funktion freizuschalten.
Möglichkeit 2: Short-ETFs (Inverse ETFs)
Short-ETFs – auch Inverse ETFs genannt – sind börsengehandelte Indexfonds, die einen Basisindex invers abbilden. Fällt der zugrunde liegende Index um ein Prozent, steigt der Short-ETF idealerweise um etwa ein Prozent (vor Kosten). Es gibt sie auf viele bekannte Indizes wie DAX, EURO STOXX 50, S&P 500 oder MSCI World.
Vorteile von Short ETFs
- Sondervermögen: Da Short-ETFs als UCITS-konforme Fonds aufgelegt sind, ist das investierte Kapital im Insolvenzfall des Anbieters geschützt.
- Breite Streuung: Mit einem einzigen Produkt lässt sich ein ganzer Markt absichern oder „shorten“.
- Niedrige Kosten im Vergleich zu vielen Derivaten.
- Unbegrenzte Laufzeit: Anders als bei Optionen oder Knock-outs gibt es keinen festen Verfallstag.
- Handel an der Börse zu üblichen Handelszeiten.
Der wichtigste Nachteil: die Pfadabhängigkeit
Short-ETFs werden täglich neu berechnet – jeden Handelstag wird die inverse Performance des Vortages neu gestartet. Das klingt unspektakulär, hat aber eine wichtige Konsequenz: Über längere Zeiträume entspricht die Performance des Short-ETFs nicht einfach dem negativen Verlauf des Index.
Ein Beispiel macht das klar:
- Ein Index steht bei 100 Punkten, der zugehörige Short-ETF ebenfalls.
- Der Index steigt am ersten Tag um 10 % auf 110. Der Short-ETF fällt um 10 % auf 90.
- Am zweiten Tag fällt der Index wieder von 110 auf 100 – das sind rund −9,1 %. Der Short-ETF steigt also um 9,1 % – aber nur ausgehend von 90, also auf rund 98,2.
Obwohl der Index nach zwei Tagen wieder beim Ausgangswert steht, hat der Short-ETF Geld verloren. Diesen Effekt nennt man Pfadabhängigkeit oder Beta-Slippage. Er fällt umso stärker ins Gewicht, je volatiler der Markt ist und je länger man den ETF hält.
Beliebte Short ETFs
- WisdomTree WTI Crude Oil 3x Daily Short – XS2819844387
- WisdomTree NASDAQ 100 3x Daily Short – IE00BLRPRJ20
- WisdomTree S&P 500 3x Daily Short – IE00B8K7KM88
- Amundi ShortDAX Daily (-1x) Inverse UCITS ETF – Dist – LU2572257041
Fazit: Short-ETFs eignen sich gut für überschaubare Zeiträume und klar gerichtete Marktbewegungen – für jahrelange Buy-and-Hold-Strategien sind sie weniger geeignet. Es gibt zusätzlich gehebelte Varianten (z. B. −2x), bei denen sich dieser Effekt entsprechend verstärkt.
Möglichkeit 3: Put-Optionen
Eine Put-Option gibt dem Käufer das Recht – aber nicht die Pflicht – einen bestimmten Basiswert (z. B. eine Aktie oder einen Index) zu einem festgelegten Preis (dem Strike) bis zu einem bestimmten Datum (dem Verfallstag) zu verkaufen. Für dieses Recht zahlt der Käufer eine Prämie an den Verkäufer der Option.
Wie verdient man mit einem Put Geld?
Fällt der Basiswert deutlich unter den Strike, gewinnt der Put an Wert: Man könnte schließlich zu einem höheren Preis verkaufen, als der Markt aktuell hergibt. Die meisten Anleger üben die Option dabei nicht tatsächlich aus, sondern verkaufen sie vor dem Verfall mit Gewinn weiter.
Beispiel für Put Optionen
- Eine Aktie notiert bei 100 €.
- Sie kaufen einen Put mit Strike 95 € und drei Monaten Laufzeit für eine Prämie von 3 €.
- Fällt die Aktie bis zum Verfall auf 80 €, ist der Put bei Fälligkeit etwa 15 € wert (95 − 80) – abzüglich der gezahlten Prämie also ein Gewinn von rund 12 € pro Aktie.
- Steigt die Aktie hingegen oder bleibt sie über 95 €, verfällt der Put wertlos – der maximale Verlust ist die gezahlte Prämie von 3 €.
Vorteile von Put Optionen
- Verlust ist auf die Prämie begrenzt (für den Käufer eines Puts) – das macht Puts zu einem klar kalkulierbaren Absicherungsinstrument.
- Hebelwirkung: Mit relativ wenig Kapitaleinsatz lässt sich ein großes Volumen absichern oder bewegen.
- Standardisiert und börslich gehandelt (in Europa vor allem über die Eurex).
- Vielseitig einsetzbar – sowohl zur Absicherung als auch für Spekulation.
Nachteile und Besonderheiten von Optionen
- Komplexität: Der Preis einer Option hängt nicht nur vom Kurs des Basiswerts ab, sondern auch von Restlaufzeit, Volatilität, Zinsen und Dividenden. Diese Einflussfaktoren werden in den sogenannten „Greeks“ (Delta, Gamma, Theta, Vega) zusammengefasst.
- Zeitwertverfall: Mit jedem Tag, der vergeht, verliert eine Option an Zeitwert – auch wenn sich am Kurs nichts ändert.
- Nicht bei jedem Broker verfügbar: Optionshandel ist eher die Domäne spezialisierter Broker. Viele klassische Filialbanken bieten ihn nicht an.
- Kontraktgrößen: Optionen werden in standardisierten Kontrakten gehandelt (typischerweise 100 Stück Basiswert pro Kontrakt bei Aktienoptionen), was höhere Mindestbeträge erforderlich macht.
Möglichkeit 4: Zertifikate
Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen einer Bank – also rechtlich eine Forderung gegen den Emittenten. Daraus ergibt sich ein wichtiger Punkt: Das Emittentenrisiko ist real. Geht der Herausgeber pleite (wie 2008 bei Lehman Brothers), kann das Zertifikat wertlos werden – egal, wie sich der Basiswert entwickelt hat.
Für Wetten auf fallende Kurse gibt es mehrere Zertifikate-Typen:
Short-Knock-out-Zertifikate (Turbo Short / Mini Short)
- Bilden Kursrückgänge mit einem Hebel ab.
- Wird eine bestimmte Knock-out-Schwelle durch den Basiswert berührt, verfällt das Zertifikat sofort und meist wertlos – Totalverlust droht.
- Eignen sich für kurzfristige, gezielte Spekulation, weniger für langfristiges Halten.
Faktor-Short-Zertifikate
- Bilden die tägliche inverse Wertentwicklung mit einem festen Hebel ab (z. B. Faktor −3 oder −5).
- Keine Knock-out-Schwelle, aber die gleiche Pfadabhängigkeit wie bei Short-ETFs – verstärkt durch den Hebel. In Seitwärtsphasen kann das schmerzhaft werden.
Reverse-Bonus-Zertifikate
- Zahlen am Laufzeitende einen Bonusbetrag, solange der Basiswert eine bestimmte obere Barriere nicht berührt.
- Eignen sich für Anleger, die eher seitwärts oder leicht fallende Kurse erwarten.
Vor- und Nachteile von Zertifikaten
Pro: Große Auswahl, oft auch für exotischere Basiswerte, klare Strukturen, transparent berechenbare Auszahlungsprofile.
Contra: Emittentenrisiko, oft eingebaute Spreads und Gebühren, bei Knock-outs hohes Verlustrisiko, viele Strukturen sind komplex.
Vergleich von Absicherungs-Instrumenten
| Produkt | Hebel | Laufzeit | Emittentenrisiko | Maximaler Verlust | Eignung |
|---|---|---|---|---|---|
| Direkter Leerverkauf | nein (1:1) | unbegrenzt* | nein | theoretisch unbegrenzt | für Privatanleger kaum verfügbar |
| Short-ETF (1x) | nein | unbegrenzt | nein (Sondervermögen) | bis zum Einsatz | Absicherung, mittlere Sicht |
| Gehebelter Short-ETF | ja (z. B. 2x) | unbegrenzt | nein (Sondervermögen) | bis zum Einsatz | kurzfristige Spekulation |
| Put-Option (Käufer) | ja | begrenzt | nein (börsengehandelt) | gezahlte Prämie | Absicherung & Spekulation |
| Faktor-Short-Zertifikat | ja (fest) | meist unbegrenzt | ja | bis zum Einsatz | kurzfristige Spekulation |
| Knock-out-Short | ja (variabel) | begrenzt/unbegrenzt | ja | bis zum Einsatz (Knock-out) | sehr kurzfristige Spekulation |
| Reverse-Bonus-Zertifikat | nein/leicht | begrenzt | ja | bis zum Einsatz | Erwartung leicht fallender/seitwärts |
*solange Aktien geliehen werden können und kein Forced Buy-in erfolgt
Worauf Anleger achten sollten
Wer auf fallende Kurse setzt, sollte ein paar Punkte besonders im Blick haben:
- Hebel ist ein zweischneidiges Schwert. Er vervielfacht Gewinne, aber genauso Verluste. Gerade Einsteiger sollten klein starten.
- Pfadabhängigkeit verstehen. Bei allen Produkten mit täglicher Neuberechnung (Short-ETFs, Faktor-Zertifikate) entspricht die Performance über längere Zeiträume nicht dem einfachen Spiegelbild des Index.
- Emittentenrisiko bei Zertifikaten im Hinterkopf behalten. Wer das vermeiden möchte, ist mit ETFs oder börsengehandelten Optionen besser bedient.
- Steuerliche Behandlung von Derivaten und Verlustverrechnung kann je nach Wohnsitzland und Produkt unterschiedlich ausfallen – im Zweifel mit einem Steuerberater sprechen.
- Den richtigen Broker wählen. Nicht jeder Broker bietet alle Produkte an: Optionshandel und echte Leerverkäufe setzen einen spezialisierten Broker voraus, während Zertifikate und ETFs nahezu überall verfügbar sind.
Fazit
Auf fallende Kurse zu setzen ist heute leichter zugänglich als je zuvor – und kann je nach Strategie sinnvoll sein, sei es zur Depotabsicherung oder zur gezielten Spekulation. Welches Produkt das richtige ist, hängt vor allem vom Anlagehorizont, der Risikobereitschaft und dem gewünschten Hebel ab:
- Für mittel- bis kurzfristige Absicherung sind Short-ETFs und Put-Optionen die solidesten Werkzeuge.
- Für gezielte, kurzfristige Spekulation bieten sich Knock-out- und Faktor-Zertifikate an – mit klarem Bewusstsein für ihr Risiko.
- Wer Komplexität nicht scheut, findet mit Optionen das vielseitigste Instrument überhaupt.
- Direkte Leerverkäufe bleiben in der Praxis meist institutionellen Anlegern vorbehalten – Privatanleger erreichen das gleiche Ziel mit den oben beschriebenen Produkten und klar definiertem Risiko.
Wichtig ist in jedem Fall: Nur in Produkte investieren, deren Funktionsweise man wirklich verstanden hat – und das passende Depot beim richtigen Broker führen.
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